Instruktionspsychologie |
StudiertechnikenZeitmanagementvon Sascha Görlich, Melanie Rüger, Axel Schäfer und Maria Siegert |
Viele Lernende haben - oft
zurecht - den Eindruck, ihr Lernen sei nicht effizient.
Vor allem vertun sie zu viel Zeit mit Dingen, die nicht
zielführend sind. Um das Lernen effizienter zu machen,
müssen einige (Binsen-) Weisheiten ernstgenommen und
internalisiert werden. Die folgenden vier Weisheiten
(wissenschaftlich gesprochen sind es "Thesen")
haben wir hier für Sie genauer erläutert.
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Hat man bis zu einem gewissen Zeitpunkt bestimmten Lernstoff zu erledigen (z.B. für das Vordiplom), dann erscheint meistens der Zeitraum zwischen dem Anfang des Lernens und der tatsächlichen Prüfung sehr weit. Das verleitet nach einem gewissen "Anfangseifer" dazu, immer mehr herumzutrödeln und sich unzureichend mit dem Stoff auseinanderzusetzen.
Rückt der Prüfungszeitpunkt jedoch näher, dann verfällt man in immer hektischeres Arbeiten, was aufgrund des nun entstehenden Zeitdrucks und der immer dringender werdenden Antizipation der Prüfung zu Streß führt und auf diese Weise das zum Lernen "gesunde" Erregungsniveau übersteigt. Überforderungsgefühle, Gedanken wie "Ich schaffe es nicht mehr!" etc. sind die Folge.
Wie kann ich nun diesem Problem begegnen? Wie bereite ich mich - vom zeitlichen Aspekt gesehen - auf die Prüfung vor, und was mache ich, wenn ich tatsächlich im Zeitdruck bin, mir den Stoff aber dennoch "zum Bestehen" erarbeiten muß?
Die Ziele, die es hier zu erreichen gibt, sind folgende:
Viele Menschen sind sich nicht bewußt, was sie eigentlich alles den ganzen lieben langen Tag über tun. Plötzlich scheint die Tageszeit abgelaufen, und man weiß gar nicht, was nun eigentlich gewesen ist. Dies kann, wenn es in Lernsituationen mit der Zeit eng wird, kritisch werden. Man kennt das Phänomen zu genüge. Müßte man eigentlich am Schreibtisch sitzen und lernen, gibt es nichts wichtigeres auf der Welt, als jetzt dringend die Fenster zu putzen, hinter dem Schrank Staub zu wischen oder - so wie jetzt gerade - im Internet zu surfen. Die Zeit verrinnt, und damit die Möglichkeit, sich um das wesentliche - den Lernstoff - zu kümmern.
Häufig hat man auch den Eindruck, den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen, gelernt und Stoff erarbeitet usw. zu haben. Dennoch bleibt das Gefühl, eigentlich nichts gemacht zu haben, die aufgewendete Zeit steht also in keinem Verhältnis zum Nutzen.
Steht man vor dieser Wahrnehmung, gibt es nur eine Möglichkeit - sofort die Aufstellung eines Zeitplans!
Wie erkenne ich Dinge, die meine Zeit nutzlos verbrauchen? Um diese Frage zu beantworten, muß man über eine gewisse Zeit eine sog. IST-Erhebung durchführen. Das bedeutet, man notiert sich ca. 2 Wochen lang den Tag über die Dinge, die man gemacht hat. Am besten erstellt man sich vorher einen "Stundenplan", in den man alle sein Aktivitäten einträgt. Ziel soll sein festzustellen,
Nun kann man die IST-Erhebung durchsehen und folgende Punkte abhandeln:
An diese IST- Erhebung muß sich nun die SOLL-Erhebung anschließen. Diese sollte beinhalten,
Hat man nun diese Aufstellung gemacht und vielleicht mit ebenfalls betroffenen (Kommilitonen, Mitschülern...) besprochen und so auf ihre Gültigkeit überprüft, schließt sich jetzt der IST - SOLL - Vergleich an:
IST = SOLL Prima! Jetzt kann ein Arbeitsplan erstellt werden. Hierbei ist es geschickt, vom Prüfungszeitraum an Rückwärts zu planen!
IST < SOLL
Aus den obigen Ergebnissen muß nun ein genauer Arbeitsplan erstellt werden. Dies geschieht auf drei Ebenen:
Wochenplanung ist hilfreich. Die Arbeitsschwerpunkte für die einzelnen Tage werden festgelegt. Hier müssen Freizeit, Lernzeit und weitere Verpflichtungen gewichtet und dann auf die eigenen Möglichkeiten / Bedürfnisse abgestimmt werden.
Physiologisch bedingte Leistungsschwankungen
Zu einer erfolgreichen Tagesplanung müssen physiologisch bedingte Leistungsschwankungen unseres Organismus im circadianen Rhythmus betrachtet werden. Eine grobe Einteilung kann wie folgt aussehen:
8:00-10:00 Maximum der Leistungsfähigkeit
14:00-15:00 Hier ist ein erster Tiefpunkt zu verzeichnen
17:00 Zweite Leistungsspitze
Von hier ein kontinuierlicher Rückgang, der seinen Tiefpunkt gegen 2-4 Uhr morgens erreicht.
Natürlich können diese Zeiten individuell sehr unterschiedliche sein, man denke nur an den Morgentyp" und den Abendtyp"! Hier empfiehlt sich, eine Selbstbeobachtung durchzuführen und den täglichen Lernstoff in Übereinstimmung mit der Leistungsfähigkeit zu organisieren.
Es empfiehlt sich, den Lerntag anhand kleinerer und größerer Pausen in kleine Abschnitte einzuteilen. Das hat mehrere Vorteile:
- Zu lange Arbeitsperioden erschöpfen uns zu sehr. Es gelingt nicht mehr, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, die Gedanken schweifen ab, und man beschäftigt sich lieber mit dem Geschehen vorm Fenster.
- Die Erwartung einer bald vorgesehenen geplanten Pause bewirkt nochmals einen Motivationsschub.
- Es wird eine Lerneinstellung erzeugt, die das Wiederaufnehmen der Arbeit nach der Pause erleichtert.
- Pausen reduzieren die retro- und proaktive Hemmung.
Retroaktive Hemmung: Lernstörung. Die zwischen Lernen und Reproduktion einge- schobenen neuen Lernprozesse erschweren die Reproduktion des ersten Stoffes.
Proaktive Hemmung: Bereits gelernter Stoff reduziert die Reproduktion eines später gelernten Stoffes.
Je ähnlicher sich die beiden Stoffgebiete sind, und je geringer der zeitliche Abstand ist, desto stärker ist die auftretende Hemmung!
Generell ist zu beachten, daß Pausen für das Lernen um so nützlicher sind, je unterschiedlicher Pausentätigkeit und Lernverhalten voneinander sind. Weiterhin sollte die Pause nach einer Mahlzeit (z.B. Mittagessen) länger sein, da der Körper seine Energien nun eher dem Magen-Darm-Trakt zur Verfügung stellt und nicht dem Gehirn!
Schlaf als Pausentätigkeit" unterstützt die Lernprozesse, die unmittelbar vor der Pause stattgefunden haben. Hier wird im Gehirn vermehrt Proteinbiosynthese betrieben, die das aufgenommene auch verankert. Träumt man sogar von seinem Lernstoff, ist das ein gutes Zeichen, man sollte sich darüber freuen!!!
Insgesamt sollte man beim Lernen nicht den Arbeitstag eines normalen Arbeitnehmers" überschreiten. Getrennt durch eine Mittagspause wären das zweimal vier Stunden. Doch auch dies ist schon ein anstrengendes Ziel. Man sollte den Anspruch also anfangs nicht zu hoch ansetzen, effektives Lernen will auch gelernt sein. Eine langsamere Steigerung der Arbeitszeit kann unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Faktoren durchgeführt werden. Verteiltes Lernen ist effektiver als am Block", und Pausen unterstützen den Lernprozess sehr. Ein Fehler ist, die Arbeitszeit zu verlängern, indem man die Pausen (wenn sie klug geplant und nicht zu überdimensioniert" sind) einspart!
Selbstkontrollbogen
Mögliche Arbeitszeit MO DI MI DO FR SA SO Bemerkungen 8 - 9 MO 9 - 10 DI 10 - 11 MI 11 - 12 DO 13 - 14 FR 14 - 15 SA 15 - 16 SO 16 - 17 17 - 18 Auswertung: 18 - 19 19 - 20 Was kann ich ändern? Summe tatsächliche Arbeitszeit 1. Summe bearbeiteter Seiten 2. Summe Unterbrechungen 3. Dieser Selbstkontrollbogen sollte möglichst ehrlich und genau ausgefüllt werden, nur so gelingt eine konkrete Zeitplanung. Diese könnte, wie folgt, aussehen:
Zeitplan für zwei Tage
Montag
Dienstag
Tätigkeitsfeld:
Uni
B.
Privat
B.
Uni
B.
Privat
B.
8 - 9
Zeitung lesen
+2
9 - 10
Kap. 3 lesen
3
Kap. 4 lesen
3
10 - 11
Exzerpt zu 3
3
Exzerpt zu 4
4
11 - 12
Aufräumen
-3
Musik hören
+3
12 - 13
Kap. 4 lesen
0
Mittagessen
+2
13 - 14
Essen & Krimi lesen
+3
Spazieren
+3
14 - 15
Kap. 4 lesen
1
Abruf Kap. 4 üben
3
15 - 16
CD hören
+2
Krimi lesen
+2
16 - 17
Vokabel lernen
3
Kap. 5 lesen
2
17 - 18
Kapitel 4
1
Exzerpt zu 5
1
18 - 19
Kochen & Essen
+2
Kap. 6 lesen
1
19 - 20
Aufräumen
0
Exzerpt zu 6
0
20 - 21
Kneipe
+4
Fernsehen
+4
Der Tag ist hier in die verschiedenen Zeitabschnitte eingeteilt. Es ist genau festgelegt, welche Aufgabe, wann zu erledigen ist. Das B. bedeutet Bewertung". Hier wird bewertet, wie angenehm bzw. unangenehm die Tätigkeit ist. Das unangenehme kann durch entsprechende Belohnungen danach wieder ausgeglichen werden!
So trivial, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, ist der Faktor Arbeitsplatzgestaltung nicht. Nichts kann frustrierender sein, als am Schreibtisch zu sitzen, sich einen Text erarbeiten zu wollen, aber ersteinmal den Textmarker suchen zu müssen, das Wörterbuch unter dem Papierstapel hervorzukramen oder gar den Schreibtisch erst nach dem zu bearbeiteten Text absuchen zu müssen. Davon mal abgesehen, das ein unaufgeräumter Arbeitsplatz eine willkommene Möglichkeit bietet, sich nicht mit dem Lernstoff zu beschäftigen (siehe Fensterputzen") kostet es - hat man sich jetzt doch zum Tun" aufgerafft - viel mehr Zeit, als wenn man sich, bevor es losgeht, um den Schreibtisch kümmert.
Man sollte also dafür sorge tragen, das alle für das Lernen notwendige Materialien beisammen sind (also etwa Stifte, Lexika, Ordner, Papier, Karteikarten, Maskottchen...). Auf den Schreibtisch gehören nur die Unterlagen, die für die aktuelle Arbeit benötigt werden.
Weiterhin sollte eine deutliche Trennung zwischen Arbeitsplatz und dem Platz für Entspannung und Erholung stattfinden. Um ein zum Lernen notwendiges mittleres Ausmaß an physiologischer Erregung herzustellen (siehe Yerkes-Dodson-Gesetz, 1908), sollte man auf einem nicht zu bequemen Stuhl sitzen, für ausreichend frische Luft sorgen und die Zimmertemperatur etwas unterhalb der gemütlichen Normaltemperatur" einstellen!
Gerade Lerntechniken bieten ein starkes Potential, Zeit einzusparen bzw. sie effektiver zu nutzen. Die verschiedenen Möglichkeiten sollen an dieser Stelle nur kurz vorgestellt werden, eine ausführlichere Darstellung findet sich im Skript Einführung in die Gedächtnispsychologie" und im Buch von Metzig und Schuster (1993).
Einen schriftlich vorliegenden Text kann man nie ganz erfassen. Eine effektive Reduktion ist unabdingbar. Sie kann mit folgenden Techniken geschehen:
All diese Techniken führen zu tieferer Informationsverarbeitung. Man kann einen Text nach folgenden Regeln zusammenfassen:
Das erste Lesen soll dazu dienen, sich einen Überblick zu verschaffen:
Bekannt geworden ist diese Methode auch unter dem Namen PQRST:
P: Preview (Überblick gewinnen)
Q: Question (Fragen formulieren)
R: Read (Lesen)
S: Self Recitation (Rekapitulieren und Fragen beantworten)
T: Test (Wissenstest)
Zur besseren Übersicht über ein Stoffgebiet kann man ein Baumdiagramm erstellen. Welche Teile gehören in welcher Reihenfolge zum Thema? Was sind Unterthemen, was sind Oberthemen?
Durch solches Organisieren prägt sich der relevante Themenkomplex besser ein, es wird das Wesentliche gelernt und kann als solches auch schneller abgerufen werden. Gerade für mündliche Prüfungen (z.B. Psychologie-Vordiplom) ist dies ein oft unterschätzter Aspekt!
Mnemotechnik, die Vorstellungsbilder benutzt. Beim Lernen werden die zu merkenden Dinge in der Vorstellung auf einem dem Lernenden bekannten Weg (z.B. morgens zur Schule) an markanten Punkten verteilt. Beim Abrufen wird nun der Weg im Geist abgegangen. Die gelernten Items" fallen einem an den markanten Punkten wieder ein.
Mnemotechnik, bei der man vor dem eigentlichen Lernen eine Anzahl leicht zu merkender Ankerwörter" lernt. Später assoziiert man die Dinge, die man sich merken will, zusammen mit einem Ankerwort.
Beim Abrufen fallen zuerst die leicht merkbaren Ankerworte ein und mit ihnen die gelernten wichtigen Items.
Mnemotechnik, die besonders für das Lernen von Vokabeln einer Fremdsprache geeignet ist. Man muß beim Lernen z.B. einer englischen Vokabel (sea gull") ein deutsches Wort finden, das so ähnlich klingt (Segel"). Nun stellt man sich das deutsche Wort zusammen mit der tatsächlichen Übersetzung bildlich vor. Hier etwa wie unsere Möwe auf einem Segel sitzt".
Ein wichtiger Bestandteil eines Lernprozesses ist das erneute Abrufen des gelernten Stoffes. So wird der Lernerfolg kontrolliert. Auch hier gibt es einige Punkte, die man beim effektiven Üben beachten sollte:
Können Sie sich an die Thesen vom Anfang noch erinnern?
Es waren die folgenden vier:PLANUNG:
Lernen muß geplant werdenSELBSTKONTROLLE:
Planung und Ausführung müssen regelmäßig miteinander vergleichen werdenBELOHNUNG:
Pausen sind ein Teil des LernprozessesRHYTHMISIERUNG:
Regelmäßigkeit erleichtert die Entwicklung günstiger Lerngewohnheiten
Glowalla, U. & Häfele, G. (1996). Einführung in die Gedächtnispsychologie (7. Auflage). Unveröffentlichtes Skript, Justus-Liebig-Universität, Gießen.
Metzig, W. & Schuster, M. (1993). Lernen zu Lernen (2. Auflage). Berlin: Springer.
Dieser Artikel wurde von Sascha Görlich, Melanie Rüger, Axel Schäfer und Maria Siegert im Rahmen der Veranstaltung "Vorlesung zur Pädagogischen Psychologie I" erstellt.
| erstellt am 20.05.97 zuletzt verändert am 23.06.98 |
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